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Voll daneben. Deutsche Zeitungen auf Pegida-Niveau?

Auch das noch: der Zeitungsverlegerband instrumentalisiert Attentat auf Charlie Hebdo

Von Rechtspopulisten musste man erwarten, sie würden den brutalen Anschlag auf „Charlie Hebdo“ instrumentalisieren und für ihre platten Parolen missbrauchen. Aber von deutschen Medien? Gestern noch hatte ich in einer Debatte um die Pegidaparole der „Lügenpresse“ kommentiert, angesichts der Pegida-Positionen und dem verwendeten Vokabular würde ich mich auf meine Zeitung am Morgen und die Wochenzeitung freuen. Und dann am Morgen das. In der Mitteldeutschen und vielen anderen Tageszeitungen diese Zeichnung. Stünde sie für sich allein, würde ich sie als schlechte Satire abtun. Sie steht aber nicht allein. Sie steht neben der Erklärung des Zeitungsverlegerverbandes, die auch noch verbal unterstützt, was die Karikatur abbildet: es gibt einen Zusammenhang, es wird ein Bogen geschlagen von den gemeinen Morden an den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ und der Pegida-Bewegung und ihren Parolen über „Lügenpresse“ und „Volksverrat“. Das ist infam, das ist falsch und das ist dumm. Infam ist das, weil es unberechtigt friedlich Demonstrierende, mit welchen unangenehmen Parolen auch immer, mit blutigen Attentätern in einen Kontext stellt. Damit begeben sich diese Blätter auf Pegida-Niveau, wenn nicht noch schlimmer und verletzen journalistisches Ethos, indem sie in unverständlich schroffer Art und Weise instrumentalisieren, statt zu reflektieren. Falsch ist es, weil gerade ein Blatt wie „Charlie Hebdo“ eben nicht zu der „Lügenpresse“ gehören dürfte, die Pegida-Leute im Blick haben. Und schließlich ist dumm, sich als deutsche Medien mit solchen Andichtungen ohne Not zur Zielscheibe für Pegida zu machen und die Munition gleich noch mit zu liefern.
So dämlich sind wohl nicht einmal die bekannten Pegida-Macher, als dass sie solche „Geschenke“ nicht annehmen würden. Wir werden es am Montagabend zu hören bekommen. Damit kein Missverständnis aufkommt, ich halte weder von Pegida noch von Legida und ihren Parolen etwas und ja, mir tut der Beifall von 17.000 für deren dumpfe Sprüche körperlich weh. Und ja, wir müssen dem etwas entgegensetzen, mit den Mitteln, die uns die erstrittene Pressefreiheit und die bewährte demokratische Grundordnung geben. Solche, wie die hier beschriebene Aktion zähle ich dazu ausdrücklich nicht. Sie ist nichts anderes als die Instrumentalisierung des Attentates auf „Charlie Hebdo“ für den eigenen Kampf gegen Pegida. Die Folgen sind verheerend, denn sie gibt der Pegida-Behauptung Nahrung, deutsche Medien wären nicht frei in ihrer Meinungsbildung. Schließlich ist ja wohl kein Zufall, wenn der gleiche Wortlaut mit gleicher Illustrierung am selben Tag durch den Tagesblätterwald rauscht. Es wird mit dieser Aktion nicht leichter, dem Argument zu begegnen, der deutschen Presse fehle es an Mut, sie sei zu feige, sich der Wahrheit zu stellen. Denn was ich aus der Karikatur und der nebenstehenden Erklärung des Zeitungsverlegerverbandes heraus lese ist eine gehörige Portion Selbstmitleid und so etwas wie Verzweiflung. Oder was dachten sich die Protagonisten dabei, nun ihre Kritiker zu so etwas wie Komplizen von Attentätern zu erklären? Vermutlich nichts. Was bleibt? Die leise Hoffnung, morgen würde ich in der Mitteldeutschen Zeitung lesen, sie habe nicht beabsichtigt, dass sich nun friedliche Demonstranten wie Komplizen gewaltsamer Täter fühlen sollen.
Der Wortlaut der Erklärung des Zeitungsverlegerverbandes:

pegida stuttmann

Zeichnung: Klaus Stuttmann

„Das abscheuliche Attentat von Paris war ein gezielter Anschlag auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“ und seine Mitarbeiter. Aber es war zugleich ein Anschlag auf die westliche Welt, auf die Grundlagen und Werte einer offenen Gesellschaft. In herausragender Solidarität berichten freie Medien weltweit seit Tagen über dieses unmenschliche Verbrechen und die verquere Ideologie, die junge Muslime erst zu religiösen Fanatikern und dann zu Mördern macht. Der einhellige Appell: Presse- und Meinungsfreiheit sind unteilbar. Unsere Werkzeuge sind Worte und Bilder. Satire, Tabubruch, auch Blasphemie muss unsere Gesellschaft aushalten. Sie gehören zum Dialog über streitige Themen, selbst wenn dies dem Einzelnen nicht gefällt. Die Medien und gerade auch die Zeitungen tragen durch Kommentare und Hintergrundberichte zur Reflexion über unsere zivilen Standards bei. „Lügenpresse“ als Relikt der Nazivergangenheit

Sie sind, mit allen Fehlern und Schwächen, mit ihren Stärken und Vorzügen, eine Errungenschaft unserer Demokratie, die wir stets aufs Neue verteidigen müssen. Das zeigt nicht nur der Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Das zeigen auch Nazi-Schmierereien an den Wänden deutscher Verlagshäuser oder das dumpfe Verunglimpfen der „Lügenpresse“ durch die Pegida-Anhänger. „Lügenpresse“ – das ist ein Kampfbegriff aus Deutschlands dunkelster Vergangenheit. Perfide Propaganda der Pegida-Anführer, Ignoranz und unklare Ängste drohen hier, eine üble Allianz einzugehen. Sie versprechen einfache Antworten auf komplexe Fragen. In unserer globalisierten Welt gibt es diese einfachen Antworten nicht. Wehren wir uns. Beharren wir, Zeitungen und Leser gemeinsam, auch weiterhin selbstbewusst auf der Pluralität der Meinungen und der Freiheit, sie zu äußern. Bieten wir so allen Eiferern die Stirn, die im Namen von Religionen oder Ideologien pöbeln, Angst verbreiten und am Ende sogar morden.

Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger“

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